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Veröffentlicht am 11.03.2017 von nemesis

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Superior Street

In Own Words

Superior Street zu Long Way Home

Die Folk-Musiker Superior Street verbinden eine wahrlich ganz eigene MIschung an Stilistiken. Wer hier bei dem Begriff „Folk“ automatisch an Irish Folk denkt, liegt nur minimal richtig. Natürlich lassen sich derartige Einflechtungen im Sound der Kärntner auch finden, doch ist es vor allem auch landesübliche, heimatliche Farbgebung, die den Sound auf ihrem aktuellen Album Long Way Home prägt. Dazu ein Schuss Rockabilly, der richtig geniale Reminiszenzen an längst vergangene Radio-Tage aufbietet –ein zeitloser Spagat zwischen Moderne und Tradition und immer wieder ein Lauschen wert. Die Band hat sich zum ihrem aktuellen Scheibchen zu allen Songs der Platte geäußert – und so gewinnt man doch einen tollen Einblick, wieviel Gedanken, Liebesmüh und Finessen, die man oftmals gar nicht realisiert in einem Silberling stecken können.

1. THE PROPHECY

Geschrieben im Oktober 2012. Ein relativ frisch gebackener Junggesellen-Sammy sitzt in seinem neuen Leben, i.e. in der ersten Studienwoche in der eigenen Wohnung in Graz, und fragt sich, wie das Leben so weitergehen wird. Was hat es für ihn in petto? Wie wird das Studium? Wird er seine zweite Hälfte finden? Die damalige Lektüre von Shakespeares Midsummernight Dream und Herr der Ringe haben wohl Lexik und Motivik (Prädetermination) maßgeblich beeinflusst.

Instrumentenmäßig war das die Zeit, in der er sehr auf Songs mit Fender Rhodes-Pianos stand und er wusste, er will so was in dem Lied haben. Durch die Walking-Bassline, die unser Bassist Daniel mal eben beim Aufnehmen (das übrigens seine erste Zusammenarbeit mit uns war – keine Auftritt, keine Probe, nichts!) ad-hoc eingespielt hat, wurde aus dem Song eine Nummer mit ziemlichen Drive. Das Aufnehmen der Bassline war für Daniel insofern lustig, da sie einer Bassline eines Stückes, das er mit einer Bigband spielt, sehr ähnelt.
Der „Aah“-Chor im Refrain sollte dem Stück noch eine Rock’n’Roll Note geben: Prompt von Stefan eingesungen, scherzten wir, man solle künftig einen „Stefan-Sound“ für Keyboards programmieren.

Für uns war das die erste „Tanznummer“ – ja, die ist für unsere Verhältnisse wirklich recht fetzig, würden wir sagen.

2. RAINY STREETS

Die Idee für den Text von „Rainy Streets“ kam Mario bei einem Spaziergang durch Klagenfurt. Es war ein grauer Herbsttag und es regnete zeitweise sehr stark. Nach einem herrlichen Sommer war er noch nicht bereit für die kalte Jahreszeit und angewidert von dem schlechten Wetter. Die Menschen, an denen er vorbeischritt, waren allesamt damit beschäftigt ihren Luxus zu vermehren und legten vor lauter Gier auf Konsumprodukte eine Rücksichtslosigkeit an den Tag, die ihn genauso betrübte wie der Regen und die Kälte. Das ganze Leid der Welt machte sich in ihm breit und ich fiel in eine Stimmung der hoffnungslosen Melancholie. Er starrte in die regenschweren Wolken und dachte sich, dass alles, was er denkt und tut umsonst sei und der Mensch sich irgendwann selbst zerstören werde.
Nach längerem Spazieren und Nachdenken wurde die Wolkendecke plötzlich wieder von der Sonne durchbrochen und auch seine Gedanken sammelten sich und ihm wurde klar, dass er doch Hoffnung für die Menschheit hat und diese Hoffnung stärker als jede Betrübtheit ist. „Rain is falling but the sun shines behind the clouds. “
Anfangs spielten wir noch mit Cajon und Akustik-Gitarren, doch als wir dann mit der Produktion von Long Way Home auf E-Gitarren, Bass und Drums umstiegen, bekam diese Nummer mit etwas geändertem Schlagzeug-Beat und Bottleneck-Thema einen richtig „fetten“ Sound. Vor allem bei Marios Gitarrensolo müssen wir drei anderen jedes Mal große Augen machen.
Beim Recording hatte Mario kein richtiges Bottleneck zur Verfügung. Er wollte das aber affektiv unbedingt ausprobieren, spielte anfangs wirklich mit einer Puntigamer-„Bottle“, später dann mit dem dritten Zug von Stefans Trompete.

3. THE MAN IN THE MOON

Der erste Song von Stefan, und sicher nicht der letzte. Die Idee für Melodie und Akkordgerüst hörte er eines Morgens in seinem Kopf: Beim faulen Herumliegen im Bett, als er noch nicht so richtig aufstehen wollte. Am Abend zuvor baute er den groben Ablauf des Songs zusammen und probierte etwas mit Dissonanzen in den Akkorden herum.
Zwischenspiel und Strophe sind recht einfach aufgebaut, jedoch wollte man das so. Die Anfängliche Dissonanz und darauf aufbauende recht monotone Strophe soll etwas wie „Zögern“, „Überlegen“ und auch „Erzählen“ ausdrücken. Der darauffolgende Refrain jedoch „Aufbruch“ und „Überzeugung“ – Lautmalerei könnte man das nennen.
Der Text dazu stammt aus dem 17. Jahrhundert aus der Cavalier Ballade „When the King Enjoys his Own Again“ von Martin Parker. Der Text entstand während der Englischen Bürgerkriege und beinhaltet viele Elemente der Sterndeutung, welche in damaligen Breitengraden und Zeiten eine wichtige Rolle spielte. Die letzte Strophe mit neuem Akkordgerüst und anderem Takt wurde kurz vor Recording noch angehängt. Der Text dazu stammt von Stefan selbst und bringt einen kleinen kritischen Bezug zur Gegenwart in den Song: „We cannot walk but we shall run“, es soll in heutigen Zeiten vieles zu schnell gehen, obwohl wir für dieses Tempo noch nicht bereit sind. Dieser Gedanke soll das Thema „Entschleunigung“ andeuten.
Den „Aah“-Chor in der Bridge nahm Stefan nachträglich per Homerecording in seinem WG-Zimmer in Wien auf. Ja, so geht’s auch.
Der Song wurde vor der Albumproduktion kein einziges Mal gespielt oder gar von den anderen Bandkollegen gehört. Er wurde ad-hoc eingespielt, hauptsächlich von Stefan alleine: Gitarre, Trompete, Gesang und Drums. Mandoline wurde von Sammy, Bass von Daniel hinzugefügt.
Anfangs löste der Song große Zweifel bei den Kollegen aus, doch bei seinem Entstehen wuchs Schritt für Schritt der Glaube daran.

4. A KNIGHT WHO FIGHTS ALONE

Beim Schreiben von A knight who fights alone war Mario in einer ähnlichen Stimmung wie bei Rainy Streets. Die großen philosophischen Fragen plagten ihn wieder einmal und alles schien ihm über den Kopf zu wachsen. Es kam ihm so vor, als würde er alleine gegen viele scheinbar unlösbare Probleme kämpfen.
Noch vor den „Long Way Home“-Zeiten war das immer Sammys und Stefans Lieblingsnummer im Repertoire. Vor allem blieb uns da die Erinnerung an den Auftritt am Acoustic Lakeside Festival (wovon uns viele auch nicht blieben): Da machte diese Nummer deutlich am meisten Spaß.
Der dreistimmige Gesang in den Interludes darf hier auch nicht außer Acht gelassen werden.

5. FARE THEE WELL

Der wichtigste Song eines Filmes, den wir alle einen der besten nennen würden: Inside Llewyn Davis, welcher indirekt um die Lebensgeschichte Dave Van Ronks geht. Neben Dave Van Ronk wurde dieser Song unter anderem auch von Bob Dylan und Pete Seeger gespielt.
Mit eigenem Arrangement wollten wir diesen Folk-Klassiker wiederbeleben.
Experimentierten da viel mit alten Mikrofonen herum, um v.a. einen Vintage-Trompetensound zu zaubern. Dass sich der Song bis zum Schluss mit mehr Solo-Instrumenten und Stimmen steigert, war uns ein wichtiges Anliegen.
Daniel, der Bassist, meint, er habe den Bass etwas zu „laid back“ eingespielt. Wir meinen: Hört eh niemand.

6. BOOTS OF SPANISH LEATHER

Einer von Sammys liebsten Dylan-Songs. Das klassische Motiv von Abschied und die rhetorische Ausformung des Lieds (Oh, but if I had the stars from the darkest night and the diamonds from the deepest ocean I’d forsake them all for your sweet kiss, for that’s all I’m wishin‘ to be ownin!) machen es für ihn und uns alle zu einem lyrischen Meisterstück. Die Coverversion am Album ist Sammys persönliche Abschiedshymne an einen stressigen Lebensabschnitt. Studien, Musik, soziales Umfeld – alles in exzessivem Ausmaß, irgendwann wird einem alles zu viel. Er wollte es am Album haben, da er wusste, dass ein Auslandssemester in Schottland bevorstand, welches auch als Anstoß zu einer Lebenswandeländerung nahm. Der Adressat ist in dem Fall das alte, gewohnte Leben.
Dass wir diesen Song auch noch aufs Album packen war eine Kurzschlussentscheidung, die aus unserem euphorischen Übermut und einem „das muss sich auch noch ausgehen“ resultierte. Gittarre und Stimmen waren schnell aufgenommen, Trompetensolo dazu improvisiert – zack, fertig, „das passt“. Live spielen wir diesen Song allerdings mit Drums während des Solos, welches nach eigentlichem, endgültigem Song-Ende nochmal angehängt wird.
Beim einsingen war Sammy lustigerweise total verkühlt, doch irgendwie, zweifellos mit genug Bier, bekam er seine Stimme in den Griff.
Die Überstimme wurde in Stefans WG-Zimmer Wochen später noch korrigiert.

7. IT IS TIME

Erste Manifestation im Sommer 2012. Eine Motivationshymne von Sammy an sich vor der großen Änderung im Leben: Studium. Relativ lange unfertig. Im Frühjahr 2014 hatte er dann das Gefühl, ‚angekommen‘ zu sein und das nötige mentale Werkzeug entwickelt zu haben, um seine „Flügel auszubreiten“ („spread your wings“) und das Leben herauszufordern. Der Abschied gilt somit den unbeschwerten Jahren der Jugend, wo man sich noch nicht über allzu viele Dinge Gedanken machte und oftmals sicher unbeschwerter lebte. Dafür aber auch unbewusster. Das wäre der „bittersweet Farewell“.

Ursprünglich als Fingerpickingsong auf der Akustikgitarre gedacht, entwickelte der Song bei den ersten Proben eine starke Eigendynamik, vor allem durch die Hammond-Orgel. Das Intro ist relativ experimentell aufgenommen: Orgel in angezerrten Gitarrenverstärker. Wir meinen, dass Jon Lord von Deep Purple ebenfalls teils so gearbeitet hat.
Diesmal nicht vom Komponisten selbst gesungen: Stefan nahm erneut die endgültige Fassung des Gesangs in seinem WG-Zimmer auf.

8. TIME IS RUNNING OUT

Songwritingtechnisch wohl Sammys persönlicher Favorit, da sehr eng mit dem auslösenden Ereignis assoziiert. Herbst 2011, er war Zivildiener beim Roten Kreuz. Plötzlich klopfe es an der Tür, ein sehr aufgelöstes altes Männlein gestikulierte hektisch. Es stellte sich heraus, dass er seine Frau im Auto hatte, die wohl einen Herzinfarkt erlitten hatte. Noch bevor er und meine Kollegen effektiv helfen konnten, verstarb die Dame. Reanimationsversuche blieben erfolglos. Der Infarkt kam für sie und ihren Gatten, nun Witwer offenbar absolut überraschend. Und auch er war überwältigt – die Dame war nicht nur seine erste verstorbene Patientin, auch der Umstand, dass sie ohne Vorankündigung vor die Tür gebracht wurde, trug seinen Teil dazu bei. Normalerweise erhält man eine Einsatzmeldung, die Mannschaft begibt sich in das Fahrzeug und bereitet sich mental auf das Bevorstehende vor. Hier jedoch geschah alles so plötzlich und unmittelbar. So wurde er sich mit einem Schlag der Vergänglichkeit des Lebens bewusst. Die Dame hatte des Morgens sicherlich auch nicht damit gerechnet, sich das letzte Mal zu erheben und nie wieder nach Hause zurückzukehren, doch nun war sie tot. Es hätte genauso gut ihn treffen können – ein Verkehrsunfall, ein Unglück – wer rechnet schon damit? Zudem trug es sich zu, dass sich genau an besagtem Tage Unstimmigkeiten in der Beziehung zu seiner damaligen Freundin zutrugen und der Kontakt eher spärlich und nicht von Liebe geprägt war. Da kam dann der Gedanke ‚Was wäre, wenn es mich erwischt hätte?“. Der Gedanke wurde weiter verfolgt – so viele noch ungesagte Worte, unvollbrachte Taten, ungelesene Bücher, unbereiste Länder. Und dass der Weg irgendwann ein Ende findet, ist unausweichlich. Doch bis dahin sollte man möglichst viel erleben und den Gedanken der ‚Caritas‘ leben.
Das Trompetensolo ist für den Komponisten das Herzstück des Songs, ein herrlich theatralischer Abgesang.

9. LONG WAY HOME

10. August 2014. Sammy frühstückt und erfährt bei der obligatorischen morgendlichen Zeitungslektüre vom tragischen Schicksal Michael Browns (2. Strophe). Wenige Tage zuvor hat sich, er glaubt es war in Syrien, ein mehrfacher Familienvater öffentlich selbst angezündet. Aus Protest. Er fragte sich, wie verzweifelt und aussichtslos die Lage in einem Land sein muss, um einen Vater in so eine Tat zu treiben (1. Strophe). Strophen 3 und 4 rechnen mit dem allgemeinen politischen Rechtsruck und dem rücksichtslosen Umgang mit unsrer Natur aus monetärem Interesse ab. Der pun ‚freedom of the tongue‘ im Refrain ist keineswegs eine holprige Übersetzung für Redefreiheit, sondern impliziert sowohl Redefreiheit als auch im wörtlichen Sinne Freiheit für die Zunge – also wen man küsst bzw. liebt. Ein Plädoyer gegen Homophobie.
Die Aufnahme sollte bewusst an die Protestsongs der 60er angelehnt sein. Spärlich instrumentiert, eingängige Melodie und repetitiver Refrain – uns würde es freuen, den Song bei einem Protestzug zu hören. Das war übrigens auch die Absicht der Schritte im Hintergrund – die von Strophe zu Strophe mehr werden. Wie eine gute politische Bewegung immer mehr an Kraft und Mitgliedern gewinnen sollte.
Lustige Tatsache dazu: Das Aufnehmen der Schritte war wohl der schwierigste Teil dieses Songs.
Live spielen wir diesen Song allerdings mit taktgebender, zum Marsch anregender Bassdrum – Schritt-Ersatz (Recording) – und vierstimmigem Gesang. Da wir Kärntner sind, dachten wir uns, dass wir das auch dementsprechend Männerchor-artig singen können, was hier vor allem auch dem Folk-Sound zugutekommt.
Dieser Song ist, wie auf der CD, immer der letzte Song unserer Auftritte. Am letzten Tag unserer Österreich-Tour im August 2015, in Salzburg, war uns das wenige Publikum egal und wir pfefferten diesen letzten Song raus mit einer Energie, die wir noch nie auf der Bühne hatten. Es war Erleichterung gepaart mit Euphorie, Herzblut und Wut, die dieser Song eigentlich auch beinhalten sollte. Uns standen vereinzelt Tränen in den Augen.

photocredit: https://www.facebook.com/SuperiorStreet/photos/pb.323041794469910.-2207520000.1449829291./875005425940208/?type=3&theater

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